Spielhallen im Gewerbegebiet „Nördlich des Bahndamms“ in Hassloch
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- Veröffentlicht am Dienstag, 14. Februar 2012 12:00
Glücksfall oder Fluch? – Überwiegt das wirtschaftliche Interesse einer Kommune im Vergleich zu einem sozialen Zusammenbruch?
Redakteurin Karin Hurrle von Nachrichten-Regional sprach mit dem Schuldner- und Insolvenzberater Manfred Wendel vom Caritaszentrum Neustadt an der Weinstraße über Folgen der Spielsucht sowie Maßnahmen zur Bekämpfung und wie Menschen in einer aussichtlosen Lage bei ihm Rat suchen. Die Gemeinde Haßloch hat entschieden – Sie hat der Ansiedlung von zwei Spielhöllen im Gewerbegebiet „Nördlich des Bahndamms“ zugestimmt. Viele Menschen haben Probleme mit der Spielsucht, sie lassen sich gerne verleiten, wenn Möglichkeiten in unmittelbarer Nähe vorhanden sind. Viele verspielen ihr Vermögen, ja sie treiben sich oft selbst mit ihrer Spielsucht in den finanziellen Ruin. Die Gemeinde Haßloch hat die Ansiedlung in dem Gewerbegebiet damit begründet, ein lukratives Einkommen als Gewerbesteuer verbuchen zu können. Aber ist dies wichtiger, als der soziale Zerfall einer Gesellschaft?
Angebote zum Spielen, egal in welcher Größenordnung, fördern die Spielsucht. Verlierer beim Spielen neigen aber dazu, durch immer höhere Einsätze erneut ihr Glück zu versuchen. Die traurige Bilanz ist: Oft enden Menschen durch Überschuldung im Gefängnis oder in der Psychiatrie. Oft aber auch beim Schuldner- und Insolvenzberater.
Eine Spielerkarriere beginnt oft mit unproblematischen Kontakten mit dem Spielen, zunächst um Geld im Familienkreis oder unter Freunden. Die Freude ist umso größer, wenn man auch noch einen Gewinn erzielt. Dabei erlebt der Spieler eine Stärkung seines Selbstwertgefühles. Werden Spielintensität und Einsatz höher, kommt es meist zu Vernachlässigung des bisherigen privaten und beruflichen Lebens. Dies kann sich so weit steigern, dass das Glücksspiel lebensbestimmend wird. Der Spielsüchtige wird fortschreitend unfähiger, dem Impuls zu Spielen zu widerstehen, auch wenn die Erfüllung persönlicher und beruflicher Aufgaben beeinträchtigt wird. Das Leben wird eingeengt auf die Beschaffung der Mittel, das Spiel, auf Gewinn oder Verlust. Wie bei substanzgebundenen Süchten kommt es zu Kontrollverlust, Dosissteigerung (Erhöhung des Spieleinsatzes), Toleranzbildung, zu Abstinenzunfähigkeit und psychischen Entzugserscheinungen.
Die wirtschaftlichen Folgen des Glücksspiels belasten nicht nur die Spieler, sondern auch ihr soziales Umfeld und die Allgemeinheit: Schulden, Existenzverluste, Firmenzusammenbrüche, Kosten für Strafverfahren und Strafvollzug, Behandlungs- bzw. Therapiekosten sowie Kosten, welche durch den Ausfall der Arbeitsleistung entstehen, um nur einige Auswirkungen zu nennen. Einen letzten Ausweg sehen Betroffene am Ende oft nur noch in einer Schuldnerberatung.
NR:
Herr Wendel: Und hier beginnt nun Ihre Arbeit. Wie gehen Sie mit Menschen um, die aus Gründen der Spielsucht und Überschuldung Ihre Institution aufsuchen?
MW:
Grundsätzlich versuchen wir allen Menschen die unsere Beratungsstelle aufsuchen in Augenhöhe zu begegnen. Beratung ohne Vertrauensbasis zwischen Rat- und Hilfesuchendem und Berater kann nicht funktionieren. Dazu gehört auch, dass die aufsuchende Person bestimmt, welche Richtung unsere Beratungsarbeit geht.
NR:
Herr Wendel: Liegen Ihnen Erfahrungswerte vor, welcher wirtschaftliche Schaden beim pathologischen Glückspiel im Durchschnitt eines Spielers entstehen?
MW:
Wir führen keine spezielle Statistik im Hinblick auf die Schadenshöhe bei Spielsüchtigen weshalb ich Ihnen aus unserer Praxis keine Zahl nennen kann. Es existieren jedoch einige Studien, auch aus jüngster Zeit, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Fakt ist, dass der Schaden für den Betroffenen und seine Angehörigen bis zur völligen Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz und dem Verlust des sozialen Umfeldes führen kann.
NR:
Herr Wendel: Was passiert, wenn pathologische Spieler nicht behandelt werden, wie entwickeln sich die individuellen und sozialen Kosten für unseren Staat oder vielmehr für die Krankenkassen?
MW:
Die Ursachen der Spielsucht können vielfältig sein und genauso ist es mit den Folgen der Spielsucht. Im Gefolge der Sucht befinden sich Verlust des Arbeitsplatzes, Verlust der Wohnung, Verlust sozialer Bindungen und Verlust der körperlichen Gesundheit. Diese negativen Auswirkungen der Sucht begünstigt wiederum die Zufluchtnahme in weitere Süchte wie Alkohol etc. deutlich.
Auch hier kann und will ich keine konkreten Zahlen nennen aber ich möchte Ihrer Fantasie durch die beispielhafte Nennung einiger Kostenarten Raum geben: Verlust des Arbeitsplatzes kann in die völlige Abhängigkeit der Betroffenen von Sozialleistungen führen. Dies bedeutet für den Staat Mehrausgaben zur Existenzsicherung aber auch Mindereinnahmen bei Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen. Dies nicht nur bezogen auf den Betroffenen selbst sondern auch auf die von ihm finanziell abhängigen Familienmitglieder.
Kommt es im weiteren Verlauf der Krankheit zu Trennungen / Scheidungen werden häufig wieder öffentliche Kassen belastet.
Die zur Heilung der Spielsucht notwendige psychologische Aufarbeitung erfordert meist die Aufnahme einer, wenn auch zeitlich begrenzten, stationären Behandlung zur Therapierung der Erkrankung. Dass eine stationäre Behandlung nicht unerhebliche Kosten zur Folge hat dürfte allgemein bekannt sein.
In einigen Studien wird versucht den durch die Spielsucht verursachten materiellen Schaden zu berechnen und mit dem aus der Spielleidenschaft aller Spieler (nicht nur der pathologischen Spieler) resultierenden Gewinn zu vergleichen. Die Experten sind sich dabei nicht ganz einig ob die Kosten der Spielsucht höher sind als der materielle Gewinn aus der Spielleidenschaft oder nicht.
Eine Frage die man durchaus stellen kann. Aber was machen wir wenn die Antwort tatsächlich lauten würde, dass der materielle Gewinn den die Spieler bei Unternehmen, Kommunen und Ländern generieren größer ist als der Schaden den Spielsüchtige verursachen? Ist die Spielsucht dann tolerierbar?
NR:
Herr Wendel: Im Jahr 1991 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das pathologische Spielen in ihre “Internationale Klassifikation Psychischer Störungen” aufgenommen. Was ist seither passiert?
MW:
Zum Beispiel haben die deutschen Renten- und Krankenversicherungen das pathologische Glücksspielverhalten im Jahr 2001 als Erkrankung anerkannt. Damit war die Grundlage für die Finanzierung ambulanter und stationärer Behandlungsleistungen gegeben. Glücksspielsüchtige haben Anspruch auf ambulante und stationäre Behandlung sowie auf Nachsorge. Es gibt spezialisierte Beratungsstellen für Spielsucht Erkrankte und auch entsprechend spezialisierte Kliniken.
NR:
Herr Wendel: Die Störung liegt häufig in dem wiederholten episodenhaften Glücksspiel, das die Lebensführung der betroffenen Personen beherrscht und zum Verfall der sozialen, beruflichen und familiären Werte und Verpflichtungen führt. Können Sie hier als Schuldnerberater noch helfen?
MW:
Eigentliches Ziel der Schuldnerberatung ist es zusammen mit den Ratsuchenden eine Perspektive für eine eigenbestimmte Zukunft ohne Schulden zu erarbeiten. Dies ist bei Suchtabhängigen, unabhängig ob es sich um eine stoffgebundene Sucht (Alkohol, Drogen, Tabletten etc) oder um eine nicht stoffgebundene Sucht (Spielsucht, Kaufsucht etc.) handelt aber nur dann möglich, wenn sie ihr Suchtproblem und die diesem Problem zugrunde liegenden Ursachen lösen. Ansonsten werden sie laufend neue Verpflichtungen anhäufen. Das bedeutet, dass der Betroffene parallel zur Schuldnerberatung auch psychologische Hilfe in Anspruch nehmen muss. Sofern Ratsuchende dazu nicht bereit oder in der Lage sind, kann die Schuldnerberatung nur helfen die Symptome zu lindern.
NR:
Herr Wendel: Die Betroffenen setzen – im wahrsten Sinne des Wortes – sogar ihren Arbeitsplatz aufs Spiel, machen hohe Schulden und lügen oder handeln ungesetzlich, um an Geld zu kommen oder die Bezahlung der Schulden zu umgehen. Wie gehen Sie mit solchen Personen um. Erkennen Sie, wenn Sie angelogen werden?
MW:
Wir versuchen diese Betroffenen über die negativen Folgen ihrer Handlungen aufzuklären. Sei es über die finanziellen Folgen der Verschuldung, die Folgen im sozialen Umfeld wenn Bekannte, Verwandte, Freunde belogen und ausnutzt werden und selbstverständlich auch über die strafrechtlichen Folgen bestimmter Handlungen. Natürlich konnte im Laufe meiner beruflichen Praxis lehrreiche Erfahrungen sammeln die mir helfen Wahres von Unwahrem zu unterscheiden. Eine letztendliche Sicherheit gibt es jedoch nie.
NR:
Herr Wendel: Es gibt ja nicht nur Glücksspieler, die ihr Geld durch unsachgemäßes Handeln verloren haben. Es gibt ja auch viele private Schicksalsschläge, durch die Menschen in die Insolvenz getrieben haben. Gibt es hier auch Erfolgserlebnisse für Sie, wo Sie sagen können: Ich bin froh, dass ich diesen Menschen helfen konnte?
MW:
Natürlich und ich bin dankbar, dass es so ist. Wenn man dazu beitragen konnte dass jemand nicht obdachlos wird, weiterhin mit Energie beliefert wird, sein Bankkonto, oder seine Immobilie behalten kann und durch unsere Beratung wieder eine positive Lebensperspektive für sich gewinnt, dann sind das wichtige Erfolgserlebnisse die mich in meiner Arbeit immer wieder motivieren.













